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VON KONTAKT UND REIBUNG – Rio Severin

Begegnung auf einem Rastplatz

Ich fahre mit meinem T4 von Berlin aus Richtung Südosten. Es ist kurz vor Sonnenaufgang, denn ich versuche, die Hauptverkehrszeiten zu umgehen. Ich ging früh zu Bett und stand entgegen meiner Gewohnheiten um drei Uhr nachts auf, um mich auf den Weg nach Sachsen zu machen.

Salsa stößt ein leises Jaulen aus. Sie braucht ihren Auslauf. Am nächsten Rastplatz parke ich den Bus und ich lasse die Hündin in die Dämmerung entweichen.
Es ist menschenleer, nur ein roter Kleinwagen steht verlassen ein paar Meter entfernt von mir. Hinter dem Lärmschutzwall erinnert mich das Gemisch von Motorengeräuschen vereinzelt vorbeifahrender Fahrzeuge an das Wellenrauschen am Strand von Praia de Iracema. Ein Laut mischt sich darunter, der nicht dazupassen will. Er kommt aus dem Schatten eines immergrünen Busches. Bei genauem Hinsehen erkenne ich eine dunkle Gestalt, die vornübergebeugt auf einer Bank sitzt.

Ich laufe zu der Gestalt, und frage vorsichtig, ob sie Hilfe braucht. Der Kopf zuckt zurück und ich erblicke inmitten einer fellbesetzten Kapuze ein tränennasses Frauengesicht mittleren Alters. Ihre Züge sind hübsch und ansprechend, soweit das im schwummrigen Licht zu sehen ist. Ihre Figur lässt sich unter dem Steppmantel schwer ausmachen, aber ihre Wangen deuten auf eine unverkennbare Sinnlichkeit hin.

 

Reiseblogger Rio Severin trifft auf einem Rastplatz eine Frau und erfährt Erstaunliches. Spiritualität leben.

Sie schnieft und fischt ein Papiertaschentuch aus der Tasche ihres Mantels hervor, um sich die Nase zu putzen. Dann stößt sie die Luft aus und wirkt, als ob ihr etwas auf der Zunge liegt. Ich lasse mich in einem Meter Abstand neben sie auf die Bank sinken. Wenn ihr ein offenes Ohr hilft, bin ich gerne bereit, es ihr zu geben.

„Ich frage Sie als Mann“, beginnt sie. Ihre Stimme hat ein weiches, mütterliches Timbre und zieht mich ungewollt in ihren Bann. „Was genau sucht ein Mann bei einer Frau?“
Mein Atem stockt, überrumpelt von der Direktheit ihrer Frage. Doch scheinbar erwartet sie keine Antwort, denn sie plappert darauf los.

Sie sei 54 Jahre alt, geschieden und habe zwei Kinder zur Welt gebracht und großgezogen. Nach der strapaziösen Trennungsphase von ihrem Ehemann habe sie sich entschlossen, via Kontaktbörse einen neuen Partner zu finden.

„Flotte Fünfzigerin sucht ihn für romantisch, sinnliche Treffen. Gerne darf sich mehr daraus entwickeln.“

Sie habe zahlreiche Bekanntschaften geschlossen, sagt sie, darunter sogar eine recht aussichtsreiche. Aber immer gehe es Männern nur um „das Eine“. Sie wütet, erbost über sich selbst, dass sie nicht in der Lage sei, Männer richtig einzuschätzen, Red Flags zu erkennen. Dass sie ein Händchen dafür habe, an Narzissten zu geraten. Dass Männer verlogen und hinterhältig seien.
Gerade komme sie von einem Treffen mit einem, wie sie sagt, nicht so ganz optimal bestückten Mittsechziger, der ihr empfahl, einen Kurs für Beckenbodentraining zu belegen. Wo sie doch gerade aus diesem Grund ihrer lieblosen Ehe entflohen sei.

Ich stelle ihr die einzige Frage, die mir in den Sinn kommt.
„Was genau suchen Sie denn in einem Mann?“

Sie atmet zitternd aus und antwortet schlicht: „Befriedigung.“
Das Wort hängt einen Moment zwischen uns. Sie scheint zu glauben, damit alles gesagt zu haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass dem nicht so ist.

Mit der Befriedigung verhält es sich wie mit Whisky. Die Frage, wie viele Sorten es davon gibt, kann nicht einmal auf Google eindeutig beantwortet werden. Und was Befriedigung in Partnerschaften betrifft, so gibt es viele Arten von Leidenschaften, die man miteinander teilen kann und sollte.

Ich stelle mich dumm und konkretisiere meine Frage: „Warum genaus suchen Sie einen Partner?“

Die Antwort kommt prompt. Sie will jemanden, der ihr zuhört und sie versteht. Der sie tröstet und ihr das Gefühl gibt, sie bedingungslos zu lieben und ihr stets als treuer Freund zur Seite steht. Mit dem sie wunderbare Dinge gemeinsam erleben kann. Der sich freut, wenn sie nach einem langen Tag im Büro nach Hause kommt.

Ein leises Schnaufen ertönt. Salsa kommt aus dem Gestrüpp auf mich zugelaufen und legt ihre kalte Schnauze auf meinen Knien ab.

Die Frau seufzt laut, steht auf und streckt die Schultern. Dann sagt sie: „Ich sollte meine Kontaktanzeige umschreiben. Frau mit ausgeleiertem Beckenboden sucht Mann mit Monsterschwanz. Dann kann man sich den ganzen Romantik-Quatsch sparen!“
Mir geht durch den Kopf, dass Romantik niemals verfehlt sei und es sehr wohl technische Hilfsmittel gäbe bei mangelhafter Reibung, aber die Frau scheint nicht offen für Ratschläge dieser Art.

Stattdessen steigt sie grußlos in den Kleinwagen und braust davon. Mittlerweile ist es hell geworden und das graubraun der winterlichen Landschaft unterstreicht das deprimierende Ende des Gesprächs.

Ich blicke in Salsas treue Augen, die bereit scheint für das Fortsetzen unserer Reise.
Nein. Kein anderes Wesen, sei es Mensch oder Tier, sollte die Bürde tragen, dieLeere in einem verschlossenen Herzen füllen zu müssen.

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