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Das Buch – ein kulturelles Endprodukt

Wie durch das Geschichtenerzählen mit einem selbst auch was ganz Tolles passiert.

26.04.23 | Autoreninterviews

Andreas M. Bräu ist Autor, Regisseur und Schauspieler. In seinen Reisebüchern führt er durch regionale Besonderheiten, wobei seine Liebe zu Oberbayern, hauptsächlich seiner Heimat Werdenfels, gilt. Zudem ist er im südlichen Oberbayern sehr bekannt als recht authentischer König Ludwig Darsteller, sowie seine kabarettistisch informativen Bühnenvorträge im Hellen und Dunkeln.

Andreas M. Bräu - Autor und König Ludwig Darsteller

Das Interview führten wir im Dezember 2021 im Rahmen unseres YouTube-Formates „Duett bei Kerzenlicht“ in unserer Aldano Autoren Lounge.

Lieber Andreas, erzähl doch bitte, wie du zum Schreiben gekommen bist? War das schon ganz früh der Fall oder bist du erst später dazugekommen?

Es waren verschiedene Anläufe, verschiedene Zugänge. Ich habe tatsächlich immer gern Fiktion geschrieben. Das Erste waren eigene Drehbuchentwürfe in Prosa oder eigene kleine Hörspiele, die dann mit der ganzen Familie in verschiedenen Rollen als Kriminalstück aufgenommen wurden. Ein bisschen später ging es dann los mit Kurzgeschichten. Vielleicht den eigenen Liebeskummer in Literatur verblenden und sich ein Happy End erschreiben, das in der Realität so nicht möglich gewesen wäre. Ende der Schulzeit, Anfang Studienzeit, waren dann erste Kurzgeschichten dabei, die man so einzeln nacheinander in Anthologien veröffentlicht hat. Bis dann eine Pause im Schreiben war und ich über die Bühne, vor allem über die Moderationen Texte gebraucht habe und ich mir vielleicht ganz vorschnell, oder ganz naiv, oder ganz forsch gedacht habe: Warum nicht die Texte, die du für dich als Moderation schreibst, so ausgestalten, dass ein kleines Büchchen daraus werden könnte? Und so ist 2014 der erste bayerische Kurzgeschichtenband entstanden.

Was sind das für Moderationen? Wo hast du die hauptsächlich aufgeführt?

Ich mache Dinnertainment im klassischen Sinne. Das heißt, ich erzähle beim Dinner im Dunkeln. Was eine tolle Sache ist, weil man exakt zehn Minuten im Kerzenlicht hat, die Leute kennenzulernen, bevor sie ins Finstere geführt werden. Um eine Verbindung aufzubauen, bevor man dann nur noch mit der Stimme arbeiten kann. Man versucht, Ruhe reinzubringen. Da braucht es 7-Minüter, 5-Minüter, 8-Minüter. Für diese Moderationen fing ich an, auch eigene Texte zu schreiben.

Du hast auch du einen Liebesroman veröffentlicht.

Eine Liebesgeschichte, genau. Das vorletzte Werk, das rausgekommen ist. Ich denke – Ihr kennt das auch – der am schwierigsten zu platzierende Titel auf dem Buchmarkt. Tatsächlich ist das ein Projekt, das sehr lange schon unterstützt ist. ‚Der Kavalier – Ein München-Roman“.
Hier geht es um eine frisch getrennte Studentin und um einen arg verliebten Klavier-Studenten, die sich in einer magischen Nacht in Schwabing treffen und aufeinanderstoßen. Mit viel Lokalkolorit eine Liebeserklärung an die Stadt München. Der Kavalier leitet sich ab, weil ‚Der Rosenkavalier‘ von Richard Strauss in dem Werk eine zentrale und entscheidende Rolle spielt.

Wie bist du auf die Geschichte gekommen? Hat es mit deiner Liebe fürs Musiktheater zu tun?

Ja, doch sehr. Ich bin ja nicht nur literarisch, sondern auch publizistisch tätig. Ich habe längere Zeit Opernkritiken geschrieben für ein Online-Portal und arbeite gerade an einem Programm ‚Richard Strauss auf Bayerisch‘ für die Strauss-Tage ab 2022. In Garmisch-Partenkirchen zunächst und danach auf Tournee. Das Musiktheater war mir etwas Wichtiges. Auch der Lokalpatriotismus Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen ist eine große Nummer. Aber besonders die Liebe an den Hofmannsthal-Text zum Rosenkavalier. Da steckt so viel Wahrheit drin. Es ist eine so tolle, starke, schöne Sprache. Starkes Libretto. Interessantes Meditieren über das Älterwerden.

Wo holst du dir deine Inspirationen?

Das ist sehr unterschiedlich. Nächste Woche zum Beispiel muss ich ein Manuskript abgeben für einen Jugend-Reiseführer, den ich mit einer Kollegin zusammen verfasst habe. Da sammelt man Erfahrungen. Da geht man raus, da recherchiert man. Das ist das Tollste am Reiseführer schreiben. Du interviewst Menschen. Ich war vor ein paar Wochen im Dorfladen in der Jachenau und die reizenden Damen Evi und Monika haben dort ihre Geheimtipps ausgepackt. Wenn ich in der Reiseliteratur unterwegs bin, ist es das Erleben. Dass du versuchst, saubere Bilder in schöne, vielleicht ein bisschen anekdotisch gewitzte Sprache zu verpacken. Was literarische Stoffe angeht, da ist bei mir die Inspiration viel das Lesen. Ich versuche nie, geliebten Autoren hinterherzuschreiben, aber eine Form von Ideenreichtum, von Stilistik, auch von Phantasie, ist gerade im Lesen schon etwas Wichtiges.

Du machst auch Stadtführungen und warst sogar auch in München unterwegs, oder?

Ja. Ich habe ein neues Hobby seit dem Lockdown. Die Stadt München hat wunderschöne kleine Büchlein herausgegeben. Die Kulturgeschichtspfade zu verschiedenen Vierteln. Man läuft mit gut kuratierten, von Fachmenschen geschriebenen, nicht kommerziellen, historischen Reiseführern herum und lernt unglaublich viel Anekdotisches in den unspektakulärsten Vierteln. Ich hatte tolle Erfahrungen in ‚Am Harth‘ in Milbertshofen, wo andere Leute eher in den vierten Gang schalten, wenn sie durchfahren.

Wie wird man denn Königliche Hoheit?

Da feiere ich dieses Jahr Zehnjähriges. Dafür musste ich entdeckt werden. Ich weiß nicht, wie Ihr das seht, aber es gibt ein paar Leute, die sagen, da ist eine entfernte optische Ähnlichkeit. Es liegt auch immer an der Haarlänge oder der Bartlänge. Und dann hat die Juniordirektorin und Intendantin des Kleinen Theaters Garmisch-Partenkirchen Tatjana Pokorny gesagt, zum damaligen Jubiläum 2012 plane sie eine Uraufführung über den bayerischen König. Ihr Ehemann Matthias Weckmann hat das Stück geschrieben und ich durfte in die Rolle des König Ludwig eintauchen. Ich hab sie mir damals erarbeitet und bin ihr seither nicht mehr entkommen. Das war ganz interessant, weil es irgendwann einmal ins Schreiben übergegangen ist. Für die Bayerische Landesausstellung in Ettal durfte ich mehrere Auftritte machen, durfte meine eigenen Ludwig-Texte verfassen. Der „Kini“ aus der heutigen Perspektive erzählt. Schon faktenbasiert über damals, durfte es auch einen ironisch gebrochenen Blick auf sich und seine Persönlichkeit haben, so à la „There’s no business like Kini business“.

Kann man jetzt noch den König Ludwig buchen?

Natürlich. Solange ich noch tönen kann und der Bart noch wächst, geht der Kini immer weiter.

Was wünscht du dir denn für die Zukunft?

Tatsächlich arbeite ich an einem anderen Herzensprojekt. Das fällt gerade ein bisschen runter. Und zwar ist es ein Jugendroman, ein Jugendbuch ab 12. Es ist ein Buch, das ganz stark intertextuell anspielungsreich spielt. Es macht gerade unglaublich viel Freude, Charaktere einzubinden und reinzubauen. Auch große literarische Vorbilder zu ehren damit. Und das gut zu platzieren, das wäre großer, literarischer Wunsch von mir.

Zum Thema Mut zum Schreiben kann man also jedem nur empfehlen, zu schreiben?

Um Gottes Willen, ja! Ich darf nebenbei noch ein bisschen unterrichten. Ich lasse die Jugendlichen ab elf Jahren schreiben, auch im Geschichtsunterricht. Lasse sie kreativ schreiben, sich zurückversetzen zu den alten Ägyptern, zum Zeitalter der Industrialisierung. Ich lasse sie an Literatur entlangschreiben. Etwa einen Brief als Antwort auf den Werther oder einen Tagebucheintrag aus ‚Kabale und Liebe‘. Das mag man pädagogisches Hilfskonstrukt nennen oder Rollenposa. Aber nein. Da entstehen ganz, ganz starke Texte und die Kinder können auch Lyrik, die können Lustig. Die können das wirklich gerne und sie haben riesige Lust, nachdem sie so viel sachlich und fachlich lernen und schreiben müssen, sich einfach mal verspielt zu äußern und auszudrücken. Das Ganze muss nicht immer publiziert werden. Aber wenn man Mut hat zu schreiben, erfährt man was über sich, erfährt aber auch noch viel mehr über Literatur und über das Geschichtenerzählen. Ich denke, Ihr könnt nur bestätigen, dass durch das Geschichtenerzählen mit einem selber auch was ganz Tolles passiert.

Lieber Andi, wir haben ja unsere Werkzeuge, mit denen wir arbeiten. Und zwar gibt’s da unsere wunderbaren Impulskarten. Ein Spiel, das wir immer mit unseren Gästen spielen. Da würde ich dir jetzt fünf Karten ziehen und du sagst mir einfach frei von der Leber weg, was dir zu diesem Begriff in den Sinn kommt.

Der erste Begriff wäre emsig.

Emsig. Das emsige Bienlein. Ich habe eine Zeitszene vor mir. Dieses Gehetze von Termin A zu B, über die U-Bahn schnell raus, die Weihnachtspäckchen unter dem Arm. Und dann soll man noch kurz gesellig einen Glühwein trinken, während man die Maske wieder überstreifen muss, um möglichst schnell nach Hause zu kommen, um dann ein ideales, perfektes Ottolenghi Abendessen zu kochen. Bis man dann emsig schnell ins Bett geht, weil man geschafft ist.

PlotShots IMPULSEBUFFET von Alessa May

Dann haben wir das Fühlen.

Fühlen, das ist genau das Kontrastprogramm. Das wäre doch etwas, das wir wieder viel mehr tun können oder sollen. Ich fühle mich gerade wohl im Gespräch mit zwei angenehmen Damen und fühle aber gleichzeitig, dass der Duft von meinem Tee zu mir rüberkommt. Es duftet so gut. Das Riechen, das Schmecken und ein Gefühl auch wirklich auszuleben. Wenn jetzt Emsigkeit angesagt ist, dann das, aber auch Wohligsein oder Traurigsein oder Verliebtsein. Es ist das Fühlen und das Wahrnehmen etwas, das für uns Handwerkszeug ist, damit wir dann auch beschreiben können und erzählen können. Deswegen ist es toll, dass man als Schriftsteller ganz viel probefühlen darf, ähnlich wie es der Schauspieler tut. Fühl dich einmal so wie der Mörder, wie der Held oder wie der Kini. Ohne Konsequenzen, nur positiv, nur Lob. Und am Ende ist alles gut, es fällt der Vorhang mit Applaus.

PlotShots IMPULSEBUFFET von Alessa May

Dann haben wir noch schillernd.

In unseren Romanen und Geschichten finde ich es immer schön, wenn es schillernde Persönlichkeit gibt. Wenn es besondere, ungewöhnliche, wenn es schillernde Charaktere sind, die Ungewöhnliches haben. Das müssen nicht Äußerlichkeiten sein. Ich habe gerade eine Antiquariatsbesitzerin Elfriede Étoile beschrieben, die einen schiefen Dutt auf dem Kopf trägt, der immer zu kippen droht, weil er nicht richtig fest ist. Und die in wallenden Gewändern durch ein altes, mit Wendeltreppe bestücktes, wunderschönes Geschäft läuft, das es so in der Realität nie gäbe. Und das ist ein schillernder Gesamteindruck. So etwas zu gestalten und auszuerzählen, das ist das Tolle an unserem Handwerk.

PlotShots IMPULSEBUFFET von Alessa May

Dann haben wir den Krieger.

Den Krieger habe ich nicht nur negativ konnotiert, wie den kalten Krieger, sondern ich sehe auch den Kulturkrieger. Das Thema Gewalt, Konflikt, mag ein Teil des Schreibens sein, muss es aber deutlich nicht. Vielleicht sollten wir uns gerade in diesen Zeiten von Online-Publishing, von auch zu viel Text, als Krieger der Literatur oder als Krieger für die Literatur verstehen. Ich finde, es wird sehr viel über Politik diskutiert, es wird sehr viel über die Pandemie diskutiert, aber es tut unglaublich gut, wenn wir als Krieger für das Gute, für das Schöne, Wahre wieder mehr über Literatur diskutieren. Das ist doch ein Kampf, für den es sich kriegerisch, überzeugt und ernsthaft zu kämpfen lohnt.

Absolut. Die Kultur muss erhalten bleiben und gefördert werden. Aber auch die Freiheit, das müssen wir dazusagen. Dass die Freiheit der Literatur erhalten bleibt.

Richtig, und zwar im internationalen Kontext. Nicht nur marktgetrieben. Da dürften die abgründigen, die kriegerischen Seiten gelesen werden.

PlotShots IMPULSEBUFFET von Alessa May

Einen habe ich noch. Planen.

Etwas, das Freude macht. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ich brauche die Planung. Ich brauche auch die Deadline, um ein Manuskript fertig zu kriegen. Um auch in den Modus zu kommen, jetzt muss was vorwärts gehen, jetzt muss etwas passieren. Ich plane gerne einen Plot. Ich plane auch gerne einzelne Kapitel. Ich plane auch gerne Arbeitsabläufe, dass ich sage, kommenden Montag wird es wieder so weit sein, dass da diese drei Kapitel fertig gemacht werden. Ich plane auch unglaublich gerne Manuskriptabgaben und zelebriere das dann ein bisschen. Ich plane auch gern, wann ich einen Buchvertrag unterzeichne. Das heißt, man plant im Endeffekt ein kulturelles Endprodukt.

PlotShots IMPULSEBUFFET von Alessa May

Weitere Links und Informationen

Homepage von Andreas M. Bräu

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