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ALLER ANFANG IST SCHWER- Alessa May

Wie kindliche Erfahrungen uns beim Schreiben hemmen

Ich erinnere mich gut an meine schriftstellerischen Anfänge. Damals besuchte ich die fünfte Klasse eines bayerischen Gymnasiums. 

In einer Schulaufgabe bekamen wir die Frage gestellt:

Was würdest du machen, wenn du 1.000 DM zur Verfügung hättest?

Ich ging mit Feuer ans Werk, denn mein Plan, was ich mit der mir damals horrend erscheinenden Summe anfangen würde, war klar wie Kloßsuppe.

Und ich strahlte vor Stolz, als ich meinen Aufsatz der Klasse vorlesen durfte, denn das war in meinen Augen etwas ganz Besonderes. Ich muss anmerken, dass ich ein eher introvertiertes Kind war, dem früh gesagt wurde, man solle nicht so viel reden und möglichst unsichtbar sein.

Ich stand also auf und präsentierte, endlich einmal gehört, meinen Aufsatz.

Wenn ich 1.000 DM zur Verfügung hätte, dann würde ich für 900 DM Bücher kaufen. Für den Rest würde ich mir eine Luxus-Villa mieten.

 

Wie uns negative Denkmuster davon abhalten können, unseren Traum vom Schreiben zu verfolgen.

Zugegeben, dem Aufsatz mangelte es an Ausführung und Begründung. Und Sie ahnen es– Kinder sind ehrlich – mein Publikum reagierte nicht wohlwollend und beindruckt, wie ich mir erhoffte, sondern lachte mich lauthals aus.
Ich schaute mich unter meinen Mitschülern um und verstand nicht deren Sinn für Humor.

Ein netter Junge in der Bank hinter mir antwortete milde: „Für 100 Mark kannste gerade mal einmal durch die Villa durchlaufen.“

Das war mir zu diesem Zeitpunkt zwar nicht bewusst, hätte mir aber durchaus genügt, denn ich wollte unbedingt einmal sehen, wie es in so einer Villa aussieht. Ferner bestand Anfang der 1980er-Jahre nicht die Möglichkeit, während einer Klassenarbeit simultan die momentanen Immobilienpreise zu Googlen.

Wie mein Aufsatz vermuten ließ, liebte ich Bücher, träumte von meiner eigenen Bibliothek. Ich las gerne über Kinder, die in einem tollen Haus mit Pool wohnten. Die ein großes, mit rosa Plüsch dekoriertes Zimmer ihr Eigen nannten und keinen älteren Bruder an der Backe hatten, der stets die Nase rümpfte, weil man mit elf Jahren noch immer mit Puppen spielte. 

Ich muss betonen, dass ich meine Puppen nicht nur an- und wieder auszog und ihnen die Haare richtete. Nein. In meinem Setting spielte eine ganze Sitcom, die ich jeden Tag verfeinerte, neue Handlungsstränge und Windungen einbaute. Heute gibt es „Sturm der Liebe“, ich hatte meinen Puppenschrank. Meist bekam ich weibliche Barbie-Puppen geschenkt, sodass diese meine Hauptprotagonisten darstellten. Zur damaligen Zeit feierte in deutschen Mädchenzimmern der smarte Ken ein ungeschlagenes Solodasein. Nur bekam ich diesen nie in meinen Cast, also musste ein Teddybär als Romeo herhalten. Eine Optik, die mir in so mancher Hochglanzzeitung heute noch ins Auge springt.

Zurück ins Klassenzimmer, meiner Hall of shame. Den Unverstand der 5a nahm ich schluckend zur Kenntnis. Hoffnungsfroh schwenkte mein Blick zu meiner Lehrerin, der einzigen Erwachsenen im Raum. Sie grinste, sichtlich bemüht, nicht in das Höhnen der Klasse mit einzustimmen. Ich war enttäuscht.
Nicht einmal sie als Deutschlehrerin teilte scheinbar meine Liebe zu Büchern. Ansonsten hätte sie den Denkansatz und -impuls in meinem Mini-Aufsatz erkannt und aufgegriffen.

Bücher waren und sind so vieles für mich. Sie sind Inspiration, wenn ich den Drang nach Kreativität verspüre. Sie sind Trost, wenn mein Leben mir ein Bein gestellt hat. Sie sind Freude, wenn eine Geschichte ein Happy End findet, obwohl es ganz und gar nicht danach aussah. Sie sind Zuflucht, wenn ich mich zurückziehen möchte von meiner Realität. Sie sind die besten Lehrer, die ich mir vorstellen kann, denn sie lassen mich meine eigenen Schlussfolgerungen ziehen, bewerten mich nicht, lachen mich nicht aus.

Und, was mich am meisten freut: als Autorin darf ich heute selbst Geschichten erfinden und in Bücher fassen. Bücher, die unterhalten, aber auch nachdenklich machen sollen. Die Impulse setzen wollen. Bücher, die zeigen wollen, dass es gut ist, den Stier bei den Hörner zu packen, auch wenn man die Frau im roten Kleid ist. Liebe kommt und geht nicht. Liebe ist immer da. Denn Liebe ist.

Jeder Mensch ist einzigartig. Jede Geschichte ist einzigartig. Und jeder Aufsatz ist es wert, gelesen und hinterfragt zu werden. Jede Geschichte hat es verdient, mit Respekt behandelt zu werden.
Vor allem dann, wenn der Autor anwesend ist.

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